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Visionen fürs imaginäre Goddelau Ost-West

Architekturstudenten der TU Darmstadt planen ein erfundenes Baugebiet

RIEDSTADT (tau). Im Hof des Büchnerhauses in Goddelau stehen am Donnerstagabend viele Studenten und ein paar Riedstädter. Sie diskutieren über die studentischen Arbeiten, die in der Kunstgalerie am Büchnerhaus präsentiert werden. Dieses Bild verdeutlicht die Verbindung zwischen TU Darmstadt und Riedstadt, die auf der Kooperation beider bei der Erarbeitung einer Lokalen Agenda 21 fußt. Schnittstelle ist in diesem Fall das Thema zukunftsweisendes Bauen.

"Dichte und Offenheit" ist die Wettbewerbsaufgabe zum Egon-Eiermann-Preis 1999/2000 betitelt, an dem Architekturstudenten und junge Architekten teilnehmen können. Der Fachbereich Architektur der TU hat auch einem zweisemestrigen Entwurfsseminar den Projekttitel "Dichte und Offenheit" gegeben. Studenten von Professor Johann Eisele nahmen sich ein fiktives Baugebiet mit dem Fantasienamen "Ost-West" in Riedstadt-Goddelau vor: als Spielwiese diente das Gelände zwischen Hessenring (Wohnbebauung) und Im Entenbad (Gewerbe). Einige der auch für den Wettbewerb geschaffenen Arbeiten wurden am Donnerstag vorgestellt, nachdem Barbara Stowasser vom Riedstädter Agenda-Büro die Gäste begrüßt und Michael Müller, wissenschaftlicher Mitarbeiter von Professor Eisele, die Aufgabenstellung beschrieben hatte.

Es ging darum, Entwürfe zu erstellen, die sowohl die begrenzten Ressourcen (Flächen, Baumaterial) als auch die sich verändernden Bedürfnisse der Menschen (neue Familienstrukturen, neue Arten der Berufsausübung durch Tele- oder Teilzeitarbeit) angemessen berücksichtigten. In der Wettbewerbsausschreibung heißt es, die Entwerfenden müssten in der Lage sein, "gesamtheitlich zu denken, Ökonomie und Ökologie mit sozialen Visionen zu verbinden und ihnen Gestalt zu verleihen".

Wohnen und Arbeiten an einem Ort sollten möglich sein. Weiteres Ziel war, vorhandene Strukturen zu nutzen: Baugebiete, Industriebrachen oder Ortsränder so zu entwickeln, zu verdichten, dass an anderer Stelle Freiflächen gewonnen werden oder erhalten bleiben. Es sollten Bausysteme gefunden werden, die (durch leicht zu bewerkstelligenden Umbau oder Anbau) Flexibilität bei veränderten Nutzungsansprüchen gewährleisten. Denn der Gebäudebestand stelle "mit seinem Primärenergiegehalt unsere wertvollste Ressource dar", sagte Müller: "Würden wir mit der gleichen Geschwindigkeit Ressourcen verbrauchen wie bisher, wäre in 80 Jahren kein Bauland mehr zur Verfügung."

Dass Bauen an sich einen Eingriff in die Natur bedeutet, betonten sowohl Jo Eisele als auch Michael Müller, der Frei Otto zitierte: "Ökologisch bauen heißt nicht bauen." Von diesem Extremfall gingen die Studenten, die originelle und provozierende Ideen lieferten, aber natürlich nicht aus.

Das Modell "Work at home" sah eine Vielfalt an Formen vor, so dass Lebensweisen von zurückgezogen bis extrovertiert möglich wären. Den individuellen Wohneinheiten in Streifenform standen öffentliche Räume (Plätze, Gebäude für Büros, Feste und Gäste) gegenüber.

Im zweiten Beispiel wurde das vorhandene gedachte Baugebiet verdichtet. Der studentische Planer wollte bereits bebauten Grund nutzen. Um Höfe gliederten sich Häuser in S-Form, die für kleinere Gewerbebetriebe, Büros oder Wohnen nutzbar wären: Wohnen und Arbeiten eng beieinander, trotz grundsätzlicher Trennung.

Die dritte Gruppe hatte sich überlegt, in die Tiefe zu gehen, so dass Hausdächer zu Wegen würden. Durch das Absenken des Baugrunds könnte die Erdwärme energetisch genutzt werden, der Lärmschutz hin zur Bahnlinie würde besser.

Zwei Studentinnen stellten ihre "Inter.Change.City" vor: sie wollten in Goddelau, das so verkehrsgünstig gelegen ist, einen Ort schaffen für die moderne Generation der flexiblen Menschen, die öfter ihren Aufenthaltsort wechseln. Sie setzten Baumodule ein, genau wie eine weitere Gruppe bei ihrem Schiebemodell, das eine bedarfsgerechte Verteilung von Freiflächen und Häusern ermöglichte.

Die Entwürfe sollen in einer Broschüre gesammelt werden, hieß es. Interessierte Riedstädter können sich am Dienstag (2.), 8 bis 15 Uhr, noch in der Kunstgalerie in die Ideen vertiefen.

Darmstädter Echo, 29.04.2000