Zum eigentlichen Inhalt | globale Navigation | rubrikbezogene Navigation
Tastaturkürzel | Sitemap |

Niedermoor ist wertvoll und sollte erhalten werden

Drei Referenten befassen sich mit dem alten Neckarbett in Riedstadt - Planung für Naturlehrpfad

RIEDSTADT (tak). Im Rahmen der Lokalen Agenda 21 lud die Gemeinde Riedstadt am Donnerstag dazu ein, sich über das alte Neckarbett in Riedstadt zu informieren. Umweltamtsleiter Hans-Jürgen Unger vermittelte den zahlreichen Gästen mit Hilfe von Dias einen ersten Eindruck. Es waren Landschaftsaufnahmen aus den Gemarkungen von Goddelau, Wolfskehlen und Crumstadt zu sehen, durch die das alte Neckarbett führt. Nach dieser Einführung kamen die drei Referenten zu Wort. Oliver Heß, der sein Geologiestudium in Darmstadt absolvierte und seinen Abschluss in Frankfurt gemacht hat, arbeitet nun am Institut für Umweltsystemforschung in Osnabrück. Er klärte die Zuhörer darüber auf, dass der Neckar früher entlang der Bergstraße verlief, von Bensheim aus über Goddelau nach Trebur. Anhand der Altersdatierung durch Pollen haben die Wissenschaftler festgestellt, dass der Torf sich seit zirka 8000 Jahren dort befindet. Durch die Entdeckung einer römischen Brücke kann man davon ausgehen, dass der Verlauf des Flusses seit mindestens 2000 Jahren von den Menschen beeinflusst wurde. Es bildete sich im Laufe der Zeit ein Niedermoor unterhalb des Grundwasserspiegels. Als das Grundwasser in den dreißiger und vierziger Jahren abgesenkt wurde, begann der Torf sich zu zersetzen. Trotz seines heute degradierten Zustandes sei das Moor trotzdem als "sehr wertvoll" einzustufen, so Heß. Niedermoore sind in Deutschland selten und gefährdet. Das Riedstädter Gebiet ist das größte in Hessen. Heß sprach sich dafür aus, dieses aus Gründen des Arten- und Landschaftsschutzes, der Landschaftsgeschichte und der Eigenheit der Landschaft zu erhalten.

Die Bedürfnisse der Bevölkerung sollten dabei jedoch nicht außer acht gelassen werden. Ziel sei es den derzeitige Zustand zu erhalten. Die Landwirte interessierte in diesem Zusammenhang der Grundwasserspiegel und das Problem von "Wasser im Keller", das nach Meinung der Anwesenden darauf zurückzuführen sei, das an den falschen Stellen gebaut wurde. Die Gemeinde wolle in Zukunft mehr darauf achten, dass nicht im Gebiet des alten Neckarbetts gebaut werde.

Diplom-Biologin Birgit Aue arbeitet derzeit an ihrer Doktorarbeit. Ihre Untersuchungen befassen sich mit den Entwicklungsmöglichkeiten der Vegetation der ehemaligen Niedermoore. Hierfür untersucht sie 20 verschiedene Ausschnitte des ehemaligen Neckarverlaufes. Goddelau eignet sich besonders gut, weil es dort viele verschiedene Bodentypen gibt.

Während zur Zeit vor allem Brennesseln die nährstoffreiche Landschaft besiedeln, will Aue versuchen, Arten von außen einzubringen, die mit dem Überangebot an Nährstoffen umgehen können. Auf einer Brache will sie testen, welche Pflanzen wachsen. Bis jetzt sei noch kein großer Erfolg zu verzeichnen. Aus ähnlichen Projekten wisse man aber, dass mit einem Ergebnis erst nach zwei Jahren zu rechnen sei.

Aues Forschungsergebnisse sollen als Grundlage dienen, um entscheiden zu können, was mit den Flächen geschehen soll, die zum Teil von der Gemeinde Riedstadt aufgekauft worden sind. In Frage kommt eine Wiese, die dann auch beweidet wird, zum Beispiel von Angusrindern, was nicht auf ungeteilten Beifall beim Publikum stieß.

Einige Gäste ergriffen die Gelegenheit, um ihr Unverständnis darüber auszudrücken, dass die Gemeinde die 30 bis 40 Jahre alten Hybridpappeln gefällt haben, die durch standortgerechte Bäume ersetzt werden. Unger begründete die Renaturierungsmaßnahme damit, dass zum Beispiel auf Pappeln nur wenige Käferarten zu finden seien, während man auf einer Eiche hunderte Arten finde. Die brüchig gewordenen Pappeln habe man alle gleichzeitig entfernen müssen, damit die neu gepflanzten Bäume genug Platz und Nährstoffe zum Wachsen haben.

Barbara Lautenbach, die Physische Geographie in Frankfurt studiert hat, wird an der Technischen Universität Darmstadt betreut. Sie erarbeitete bei ihrer Diplomarbeit das Konzept eines Naturlehrpfades. Während man in den sechziger Jahren noch während des Waldspaziergangs auf Schilder wie "Das ist eine Erle" stieß, sei man heute dazu übergegangen, Pfade interaktive zu planen ("nenne vier charakteristische Merkmale einer Erle") oder sie so einzurichten, dass alle Sinne angesprochen sind.

Lautenbach hat ein Konzept mit Erlebniselementen erstellt: Die Menschen sollen die ökologischen Zusammenhänge verstehen und die Schönheit der Natur bewusst genießen. Eine Broschüre wird zusätzliche Informationen geben und zu umweltbewusstem Handeln im Alltag anleiten.

Der Naturlehrpfad soll am Goddelauer Schwimmbad beginnen und dann in Form einer Acht am Brunnenhof vorbei rund fün Kilometer durch das alte Neckarbett führen. Geplante Themen sind "Mensch und Umwelt", "Auf den Spuren des Neckars", "Boden - Haut der Erde" und "Riedstadts Flora zum Erleben". Der Pfad wurde vor allem für die Riedstädter konzipiert. Die Referentin machte den Vorschlag einer Schulpatenschaft, die die Martin-Niemöller-Schule übernehmen könnte.

Bei der anschließenden Diskussion wurde darauf hingewiesen, dass vor allem im Frühjahr das betroffene Gebiet sehr feucht sei. Dies bedeute, dass der Pfad eventuell dann gesperrt werden müsse. Streckenweise sind außerdem Bohlenwege geplant.

Darmstädter Echo, 15.05.2000