Den Umweltgipfel von Rio ernst genommen
Riedstadt plant ein Neubaugebiet, das für den ökologischen Städtebau Maßstäbe setzt - Bürgerversammlung
Seit August 1992 laufen in Goddelau die Planungen des Neubaugebiets "Goddelau Süd-Ost". Im November 1992 wurde das Projekt erstmals in einer Bürgerversammlung vorgestellt.
Inzwischen gab es viele Beratungen, bei denen es vor allem darum ging, einen hohen Wohnwert mit zeitgemäßen ökologischen Erfordernissen zu vereinbaren. Außer den gemeindlichen Gremien und der mit der Planung beauftragten "Planungsgruppe Darmstadt" waren dabei vor allem Goddelauer Bürger aktiv beteiligt, die sich im Rahmen der "Agenda 21" zu einem "Energie-Tisch" trafen.
Um das Vorhaben den interessierten Bürgern vorzustellen und zu erläutern, hatte Bürgermeister Gerald Kummer zu einer Bürgerversammlung in die Aula der Martin-Niemöller-Schule eingeladen. Bauingenieur Ulf Begher trug zunächst vor, welche gesetzlichen Auflagen bei der Ausweisung eines Neubaugebietes beachtet werden müssen. Zwingend vorgeschrieben ist zum Beispiel eine flächensparende Erschließung. Es müssen mindestens 35 Wohneinheiten pro Hektar eingeplant werden, große Gartengrundstücke mit einem Einfamilienhaus gehören somit der Vergangenheit an. Wo, wie in Goddelau, zudem eine gute S-Bahn-Verbindung besteht, können sich die erforderlichen Wohneinheiten sogar auf bis zu 60 pro Hektar erhöhen. Konkret hat man sich aber mit dem Regierungspräsidium auf den Kompromiss von 42 Wohneinheiten pro Hektar verständigt. Das wird durch einen Mix aus Ein- und Zweifamilienhäusern, Reihenhäusern und Geschosshäusern mit drei bis vier Stockwerken erreicht. Auf dem Gelände von 16,2 Hektar können so 748 Wohneinheiten und zusätzlich ein Kindergarten untergebracht werden.
Möglichst geringesVerkehrsaufkommen.
Im Interesse der Wohnqualität und der Umweltschonung wird zudem ein möglichst geringes Verkehrsaufkommen angestrebt. Außer einigen ringförmigen Erschließungsstraßen wird es vor allem kleine schmale Zuwege geben, und in einem Teilgebiet soll ein gemeinsamer Parkplatz die Zufahrt zu den Häusern weitgehend überflüssig machen.
Dass für einen ausreichenden Grünlandanteil, eine ökologische Vernetzung der Freiflächen und eine intensive Randeingrünung gesorgt werden soll, ist fast selbstverständlich. Probleme bereitet in Goddelau allerdings der Umgang mit dem anfallenden Regenwasser, weil dort wenig durchlässige Bodenschichten eine wohnungsnahe Versickerung erschweren.
Das Besondere am geplanten Neubaugebiet ist das Energieversorgungskonzept, für das es in dieser Größenordnung in Hessen nach Aussage der Landesagentur "Hessenenergie" bisher noch kein Beispiel gibt. Die Gemeinde Riedstadt will damit den Beschlüssen des Umweltgipfels von Rio Rechnung tragen, der ein radikales Umdenken der heute lebenden Generation gefordert hat, damit die Erde auch für künftige Generationen bewohnbar bleibt.
Sechs Bürger - Peter Bert, Michael Blodt, Heiko Büßer, Jürgen Hoeth, Horst Kränzle und Jürgen Lenschow - haben in mehrjähriger ehrenamtlicher Arbeit gemeinsam mit der Südhessischen Gas und Wasser AG, dem Überlandwerk Groß-Gerau, Vertretern der Gewerbevereine und dem Landeswohlfahrtsverband intensiv nach der für dieses Baugebiet ökologisch günstigsten Lösung gesucht. Beraten wurden sie dabei von "Hessenenergie" und vom Ökoinstitut Darmstadt.
Es ging darum, eine Lösung zu finden, die wirtschaftlich vernünftig und zugleich so umweltschonend wie nur möglich ist. Durch eine Qualitätskontrolle bei Planung und Bau sowie eine optimale Südausrichtung der Häuser sollen Niedrigenergiehäuser mit einem Heizenergiebedarf von höchstens 50 Kilowattstunden pro Quadratmeter entstehen (Altbauten benötigen zum Teil das Sechsfache dieses Werts).
Energie aus dem Blockheizkraftwerk.
Diese Wärme wird zentral durch ein modernes gasbetriebenes Blockheizkraftwerk des benachbarten Philippshospitals erzeugt, das einen Energienutzungsquotienten von 85 bis 90 Prozent haben wird. Diese Lösung ist nach den Berechnungen des Darmstädter Ökoinstituts um 16 Prozent günstiger als die zunächst favorisierte Kombination aus dezentralen Brennwertkesseln und Solarenergie, weil das Blockheizkraftwerk die entstehende Energie doppelt verwertet. Es liefert Wärme für die neue Siedlung und gleichzeitig Strom, der standortnah und damit verlustarm verbraucht wird.
Wahrscheinlich wird die ökologische Bilanz sogar noch günstiger ausfallen, weil bei der Berechnung des Ökoinstituts noch ein Wärmeverlust von 29 Prozent beim Transport in die Häuser zugrunde gelegt wurde, dieser aber voraussichtlich auf unter 20 Prozent gesenkt werden kann.
In der anschließenden lebhaften Diskussion wurde unter anderem die Frage erörtert, ob durch das beschlossene Konzept nicht eine unerwünschte Abhängigkeit der Neusiedler vom Wärmelieferanten entsteht, da ja Anschlusspflicht besteht und eine Mindestvertragsdauer von 20 Jahren vorgesehen ist. Allerdings ist weder der Einbau privater Sonnenkollektoren noch von offenen Kaminen verboten.
Außerdem ging es um Fragen wie die Umlegung der Erschließungskosten oder die Wahrung landwirtschaftlicher Interessen. Die Beantwortung solcher Fragen übernahmen Vertreter des Riedstädter Bauamts wie des Umweltamts und des Bautechnischen Büros (Darmstadt).
Bürgermeister Kummer wies darauf hin, dass die Fragen und Anregungen der Bürger in den gemeindlichen Gremien aufgegriffen und in das weitere Planungsverfahren eingehen werden. Über die Ergebnisse werde in einer weiteren Bürgerversammlung berichtet.
Darmstädter Echo, 07.04.2000
