"Man muss mehr über den anderen erfahren"
Infoveranstaltung über "Perspektiven der Landwirtschaft" mündet in Agenda-Arbeitskreis
Ist die Landwirtschaft ein sterbender Berufszweig? Haben Bürger und Gemeinde ein wirkliches Interesse an der Landwirtschaft? Obwohl die meisten Landwirte in dieser Jahrszeit gegen 20 Uhr noch mit Vieh und Feld beschäftigt sind, waren 25 von ihnen und etwa 15 Interessierte kürzlich ins Crumstädter Rathaus gekommen, um über die Situation der Landwirtschaft in Riedstadt zu diskutieren.
Dem Treffen vorausgegangen war eine Umfrage, bei der das Institut für Agrarsoziologie und Beratungswesen der Universität Gießen Riedstädter Landwirte zur aktuellen Situation ihrer Betriebe befragt hatte. Den Kontakt nach Gießen wurde von der Technischen Universität Darmstadt (TU) hergestellt, die Riedstadt bei der Umsetzung der Lokalen Agenda 21 unterstützt.
Rund 70 von etwa 90 haupt- und nebenerwerblichen Landwirten erhielten im Juni die Fragebögen, die sie anonym beantworten konnten. Da die Umfrage jedoch mitten in der Spargel- und Erdbeerzeit lag, fanden nur 40 der Angeschriebenen die Zeit, an der Befragung teilzunehmen. Deren Ergebnisse wurden jetzt von Prof. Dr. Hermann Boland und Diplom-Ingenieur Kai Stahr von der Uni Gießen vorgestellt (mehr dazu im untenstehenden Kasten).
Ziel der Befragung war, hinsichtlich der Lokalen Agenda 21 neben den Aspekten zur Entwicklung der Gemeinde auch die wirtschaftliche, soziale und ökologische Entwicklung der Landwirtschaft in Riedstadt zu betrachten. Damit es aber nicht nur bei trockenen Statistiken bleibt, soll ein Arbeitskreis "Perspektiven der Landwirtschaft" gegründet werden, der Probleme diskutiert und Lösungen sucht. Schließlich ist im Agenda-21-Prozess jeder gefragt, sich Gedanken um ein gemeinschaftliches Leben im 21. Jahrhundert zu machen und aktiv zu werden.
Besonders interessant wird dieser Prozess in der Landwirtschaft, denn diese sollte "aus ihrer Defensive raus", wie es ein Teilnehmer der Veranstaltung formulierte. Es sei an der Zeit, die Betriebe zu öffnen und endlich verstanden zu werden. Wo noch vor 20 Jahren Marktbesucher über das Zubereiten von Gemüse diskutiert hätten, werde heute an der Supermarktkasse über Handytarife gesprochen.
Als ausgesprochen ärgerlich empfinden es die Landwirte, wenn ihnen die Bevölkerung kein Verständnis entgegenbringt. Beispiel: Radfahrer auf dem Feldweg echauffieren sich über die Beregnungsanlagen oder schimpfen über Staubwolken, die ein Mähdrescher verursacht. Landwirte werden durch starken Verkehr auf den Feldwegen, besonders in der Erntezeit, am Arbeiten gehindert. Verkehrsteilnehmer dagegen ärgern die langsamen landwirtschaftlichen Maschinen auf den Straßen, und Anwohner wollen Verkehrsberuhigung. Fazit: Gemeinde, Bevölkerung und Landwirte wissen zuwenig voneinander und über die jeweiligen Rahmenbedingungen. Vorurteile sind die Folge.
"Man muss mehr über den anderen erfahren, und der Arbeitskreis bietet dafür einen Ansatzpunkt", so Boland. Ein Arbeitskreis (AK) trifft sich acht bis zehn mal pro Jahr und diskutiert Ideen, Erfahrungen und Vorschläge, die nach außen getragen und mit Kommunalpolitikern besprochen werden. Ergebnisse können und sollten in den Fachausschüssen vorgetragen werden, unterstrich Bürgermeister Gerald Kummer. Die TU Darmstadt bietet fachliche Ansprechpartner und eine Kontaktperson der Gemeinde ist bei jedem Treffen eines AK dabei.
Am Ende der Informationsveranstaltung waren elf der 25 anwesenden Landwirte bereit, in dem AK mitzuwirken, neun können zwar aus Zeitgründen nicht aktiv mitarbeiten, halten aber eine solche Einrichtung für sinnvoll.
Diplom-Agraringenieurin Ruth Kupper wird den Arbeitskreis leiten und verspricht Zielstrebigkeit. Erste AK-Zusammenkunft ist am 18. November (Donnerstag) um 19.30 Uhr in der Volkshochschule in Erfelden, Wilhelm-Leuschner-Straße 21. Weitere Informationen geben im Agendabüro der Gemeinde Barbara Stowasser (Telefon 06158/181-702) oder Hans-Jürgen Unger (181701).
Darmstädter Echo, 26.10.1999
