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Weltweit mehr Mais als Reis und Weizen

Erlebnispfad: Landwirtschaftlicher Erkundungsspaziergang in Goddelau bringt manchem Gast neue Erkenntnisse

GODDELAU (dirk). Wer den Goddelauer Erlebnispfad besichtigt, sieht als erstes ein Feld, auf dem eine der ältesten Kulturpflanzen wächst: Weizen, der ursprünglich aus Vorderasien stammt, wird schon seit der Jungsteinzeit angebaut, erfuhren die Teilnehmer eines landwirtschaftlichen Erkundungsspaziergangs am Donnerstag. Dazu hatte das gemeindliche Agenda-Büro eingeladen.

Allerlei Wissenswertes zu den Kulturen, die auf den am Weg liegenden Äckern wachsen, hatten Schüler der Goddelauer Martin-Niemöller-Schule und Mitglieder der Arbeitsgruppe (AG) zum Erlebnispfad zusammengetragen. An sieben Stationen machte die Gruppe Halt.

Wie AG-Mitglied Horst Kränzle berichtete, kostet ein Milchbrötchen heute acht Mal so viel wie 1950. Die Löhne der Arbeiter seien seither um das Achtzehnfache gestiegen, die Weizenpreise aber gleich geblieben. Denn, so Kränzle, Großhändler, Mühlen und Supermarktketten drücken die Preise. Barbara Stowasser vom Agendabüro ergänzte: Von den 30 bis 40 Cent, die ein Brötchen beim Bäcker koste, bekomme der Landwirt nur einen oder zwei Cent.

An ihren langen Grannen zu erkennen ist die wahrscheinlich älteste Getreidesorte, die Gerste. Sie wird heute nicht mehr als Nahrungsmittel des Menschen verwendet. Die Ausnahme: Gerste ist das Ausgangsprodukt für die Bierherstellung. Ansonsten dient dieses Getreide als Viehfutter.

Den Weg der Zuckerrübe - von der Aussaat über die Ernte bis zur Gewinnung des "weißen Goldes" - erklärte Landwirt Paul Wagner. Alle 18 bis 20 Zentimeter würden Saatkörner ausgebracht, von denen mehr als 90 Prozent aufgingen. Die Zuckerrübe sei die erste gentechnisch veränderte Pflanze. Einst hätten sich aus jedem Samen zehn bis 20 Pflanzen entwickelt, die per Hand, später dann mechanisch getrennt worden seien. Heute sprieße dank Gentechnik aus fast jedem Saatkorn nur noch eine Pflanze. Ende Oktober würden die Zuckerrüben geerntet, damit sie rechtzeitig weiterverarbeitet werden könnten. Denn die Kampagne der Zuckerfabrik dauere nur bis zur Weihnachtszeit.

Untypisch für den Kreis Groß-Gerau gibt es am Erlebnispfad auch Grünland zu sehen. In Hessen findet man solche Wiesen vor allem in den Mittelgebirgen, wo Ackerbau mangels fruchtbarer Böden nicht mehr wirtschaftlich ist. Das Gras dieser Flächen wird in zweierlei Form als Tierfutter verwendet: Zu Heu getrocknet oder angewelkt als luftdicht verschlossene Silage. Bei letzterer entsteht Milchsäure, die das Futter haltbar macht.

Im Dunkeln lässt sich gut munkeln. In einem Maisfeld auch: Denn in ein Meer von Pflanzen einzutauchen, die bis zu sieben Meter hoch wachsen können (die deutschen Maisarten liegt im Schnitt bei 1,70 bis 2,50 Meter), ist eine spannende Erfahrung für Kinder - und für Verliebte. "Rascheln darf es nicht, sonst hört es der Bauer", sagte Dominik dazu.

Der Schüler hat zudem recherchiert, dass weitaus mehr Mais geerntet wird (2003 seien es weltweit 36 Millionen Tonnen gewesen) als Reis und Weizen, die anderen Welternährungspflanzen. Aus den weiblichen Blüten dieser Grasart, die aus Mittel- und Südamerika stammt, entwickeln sich die Maiskolben. Die rötlichen Rispen an der Pflanzenspitze sind männliche Blüten.

Zudem lernten die Gäste des Erkundungsspaziergangs, dass Kartoffeln um 1555 von Südamerika nach Europa kamen, dort aber erst 200 Jahre später als Nahrungsmittel entdeckt wurden. Heute wird die Kartoffel nicht nur als Rohstoff für Speisen, sondern auch für die Herstellung von Kleister, Papier, Kunststoffe und Textilien verwendet.

Ein weiteres Thema war die Gründüngung. Auf einem Acker, den die Gemeinde Riedstadt gekauft hat, um dort eine Streuobstwiese anzulegen, sprießen zurzeit Pflanzen wie die lilafarbene Phacelia. Sie werden in der Regel in den Anbaupausen zwischen zwei Hauptkulturen gepflanzt, um den Boden aufzulockern, vor Erosion zu schützen und ihn - nachdem das Grün von Bodenlebewesen zersetzt worden ist - mit Nährstoffen anzureichern.

Im Untergrund kann es ziemlich turbulent zugehen, wie Rachel und Jessica herausgefunden haben: "In einer Hand voll guten Humusbodens gibt es weitaus mehr Lebewesen als Menschen auf der Erde." Ohne diese fleißigen Winzlinge, die organische Stoffe zersetzen, "wäre längst jedes Leben auf der Erde aus Nährstoffmangel eingegangen- oder unter Leichen erstickt."

Darmstädter Echo, 13.06.2005