"Damit Menschen sich besser verstehen"
Trommelworkshop: Fünftklässler der Martin-Niemöller-Schule bauen Instrumente und lernen, mit ihnen umzugehen
Die Trommeln rufen. Das tun sie klar und deutlich, mit ziemlich gehobener Stimme. Ihre Lautstärke reicht, um aus dem Musischen Zentrum der Martin-Niemöller-Schule (MNS) zu dringen ? obwohl die Tür verschlossen ist.
Bei unserem Besuch sind dort mehr als 40 Fünftklässler versammelt, um gemeinsam mit selbst gebastelten Instrumenten zu musizieren. Angeleitet werden sie von einem groß gewachsenen, schlanken Mann, dessen Lächeln den Blick auf Zähne freigibt, die ob seiner schwarzen Hautfarbe besonders hell strahlen. Und N?Diogou M?Baye lächelt oft. Der Musiker aus Senegal, der seit 13 Jahren in Deutschland lebt, gibt auf seiner Djembe (eine mit Ziegenhaut bespannte Holztrommel) den Takt vor. Das geschah beim zweitägigen Trommelworkshop, der gestern zu Ende ging, in mehreren Gruppen.
Im Kunstunterricht hatten die Fünftklässler, insgesamt 210 Schüler, ihre Instrumente gebaut. Als Trommelfelle dienten mehrere eingekleisterte Schichten Pergamentpapier. Im ganzheitlich orientierten Musikunterricht der MNS, in dem Wissen übers Erleben der Musik vermittelt wird, lernten die Schüler von Lehrer Michael Ullrich die technischen Grundlagen des Trommelns. Sie bekamen also beigebracht, ein Instrument zu bauen, darauf zu spielen ? und sich mit traditionellen afrikanischen Tanzschritten zu dieser Musik zu bewegen.
Eine nachhaltige Lernerfahrung für die Kinder jenseits von stupidem Auswendiglernen, mit dem man laut Ullrich ja doch nur flüchtiges Wissen einpaukt. Überhaupt sei Musikunterricht wertvoll für die kindliche Entwicklung. Fast ausschließlich bei Musik seien nämlich beide Hirnhälften des Menschen aktiv. Die linke Hirnhälfte werde beispielsweise zum Hören, die rechte zum Sehen gebraucht. Beim Trommeln in einer Gruppe "bin ich nur dann gut", erklärt Ullrich, "wenn ich es gleichzeitig schaffe, zu trommeln und auf meine Umgebung zu hören". Weil die Musiker in der Gruppe nur gemeinsam Wohlklang erzeugen könnten, entstehe ein enormes Zusammengehörigkeitsgefühl. Auch dies also eine Lernerfahrung: Auf spielerische Weise erfahren die Kinder soziale Kompetenz.
Der Workshop war Teil eines fächerübergreifenden Afrika-Projektes der MNS, in dem es um den Kontinent, seine Geschichte und Kultur ging. "Deshalb war es mir wichtig, dass der N?Diogou mal zu uns an die Schule kommt", erklärt Ullrich, "damit die Schüler einen direkten Bezug zu Afrika bekommen." Mit dem in Mainz wohnenden Westafrikaner ist Multi-Instrumentalist Ullrich ? unter anderem ist der Bischofsheimer ausgebildeter Konzertpianist ? durch einige gemeinsame Auftritte befreundet.
Gern gastiert der aus der senegalesischen Hauptstadt Dakar stammende M?Baye in Schulen. Dies nicht nur wegen seiner Kinderfreundlichkeit, einer, wie er sagt, typisch afrikanischen Eigenschaft. Sondern weil es ihm ein Anliegen ist, Schülern seine Kultur näher zu bringen: "Das kann für die Zukunft helfen, dass die Menschen sich besser verstehen."
Das Weitergeben von Wissen liegt in der Tradition von M?Bayes Familie, denn er entstammt einer alten Kaste so genannter Griots. Ein Griot ist ein Erzähler von Texten, mit denen vielfach mündlich das Wissen westafrikanischer Völker überliefert wird. Dies geschieht in einer bestimmten Form des Gesangs. Griots ? dieser Berufsstand ist eine reine Männerdomäne ? bewahren also die Geschichte, die Literatur und die Musik ihrer Völker.
Im Trommelworkshop der Martin-Niemöller-Schule ging es freilich weniger bedeutungsschwer zu. M?Baye sang mit den Kindern unter anderem ein Lied in Wolof, der Umgangssprache im Senegal.
Darmstädter Echo, 08.07.2005
